Bauen wir den RU der Zukunft – Thinking outside the box!

„Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen – denn Zukunft kann man bauen.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

Wie wird der evangelische Religionsunterricht in Schleswig-Holstein in Zukunft aussehen? Auf diese Frage lieferten die Ergebnisse der ReVikoR-Studie keine direkte Antwort. Dennoch legten sie den Grund für etwas Zukünftiges, weil sie ein Bild der Gegenwart zeichneten. All die darin enthaltenen Fakten, Erwartungen und Wünsche gaben Anstoß zur Reflexion: Muss bzw. kann evangelischer Religionsunterricht neu gedacht werden?

Diese „Anstiftung zum Denken“ sollte im Kontext der „Hearings“ spürbar und sogar greifbar werden. Im Dialog sollte der Versuch gewagt werden, einen Religionsunterricht der Zukunft zu bauen – auf der Grundlage der ReVikoR-Studie und spezifischer Perspektiven unterschiedlicher Akteur*innen des Religionsunterrichts. Da die Gestaltung des Religionsunterrichts im Angesicht von religiöser Pluralität zuweilen zur „Quadratur des Kreises“ mutiert, standen die Hearings unter dem Motto „Thinking outside the box!“. Dies wurde anhand der „Baustein-Methode“ veranschaulicht:

Die Teilnehmer*innen der Hearings erhielten in Kleingruppen eine Box, welche gefüllt war mit Bausteinen (die nahezu jedem und jeder aus Kindheitstagen altbekannt sind). Außerhalb dieser Box wurde auf einer Platte mit den entsprechenden Bausteinen ein mögliches Modell des Religionsunterrichts der Zukunft gebaut. Dabei erfüllten sowohl die Farben, als auch die Formen der Bausteine bestimmte Funktionen (vgl. „Bauanleitung“):

Beispielsweise standen die kleinen 2×2 Steine für Schüler*innen. Zwei dieser Steine übereinander stellten eine Lehrkraft dar. Die jeweiligen Farben der Steine symbolisierten vorrangig religiöse Zugehörigkeiten (so stand „orange“ beispielsweise für evangelisch) bzw. auch „Nicht-Religiosität“ (die Farbe Grün deutete „Konfessionslosigkeit“ bzw. „Religionsferne“ an). Ferner waren alle gelben Bausteine „Zielen des Religionsunterrichts“ zugeordnet, welche teilweise schon ausformuliert in der Form von „religionspädagogischen Schlagworten“ auf den Steinen zu finden waren. Es konnten jedoch jederzeit neue Ziele ergänzt werden: Zu diesem Zweck lag jeder Box ein Stift bei, mit welchem die Steine beschriftet werden konnten. Überhaupt konnten alle Steine mit diesem Stift bei Bedarf konkretisiert werden. Die Farbe Rot hingegen stand für Probleme bzw. Schwierigkeiten. Alle Modellbauer*innen sollten bereits während des Bauprozesses potentielle Schwachstellen des eigens gebauten Modells im Blick behalten. Rote Problemsteinchen konnten an entsprechenden Stellen platziert werden. Schließlich sollte jedes Modell einen Namen bekommen auf dem dafür vorgesehenen großen roten „Labelbaustein“. Dem Religionsunterricht ein „Etikett“ zu geben, stellt eine relativ große Schwierigkeit dar – aus diesem Grund wurde der dafür vorgesehene Stein bewusst rot gewählt. Überdies sollte auch die Verantwortungsstruktur des Religionsunterrichts reflektiert werden, anhand der Leitfragen: „Wer verantwortet das von mir gebaute Modell? Staat und/oder Religionsgemeinschaften?“ Die entsprechenden Bausteine wurden als „Verantwortungsfundament“ unter den Labelstein gesetzt.

Diese „Bausteinmethode“ hat sich mehrfach bewährt und zu lebhaften und produktiven Gesprächen geführt. Darüber hinaus wurden neue Erkenntnisse gewonnen und vermeintlich antagonistische Positionen näherten sich an. Doch warum bedurfte es überhaupt dieser Bausteine?

  • Religionsunterricht wird nicht erst seit heute neu gedacht. Allein das Aufeinanderfolgen unterschiedlicher religionspädagogischer Konzeptionen im 20. Jhd. ist dafür ein eindrückliches Zeugnis. Wenn es das Ziel sein soll, einen gegenwartsbezogenen Religionsunterricht zu konzipieren, muss Religionsunterricht immer wieder neu gedacht werden. Dabei scheint es lohnenswert, ab und an einmal außerhalb des vorgegebenen Rahmens zu denken („Thinking outside the box!“) und die reflexive Herangehensweise um haptische und räumliche Dimensionen zu erweitern. Vermeintliche Probleme bzw. Schwierigkeiten können durch das „Über den Tellerrand schauen“ in einem ganz anderem Licht wahrgenommen werden. Zugleich kann vermeintlich Bekanntes auch „fremder“ erscheinen.
  • Das Bauen mit Bausteinen ist zwar eine basale Herangehensweise, aber keineswegs banal: Auch wenn die Farben und Formen der Bausteine eine begrenzte Auswahl und somit auch ein extrem vereinfachtes Abbild der Realität symbolisieren, müssen sich die Modellbauer*innen irgendwann positionieren. Der „häretische Imperativ“ (P. Berger) wird deutlich spürbar, da die Teilnehmenden im Prinzip „gezwungen“ werden, eine Wahl bezüglich der künftigen Form des Religionsunterrichtes zu treffen. Konkrete Bausteine werden ausgewählt und an ganz bestimmten Stellen positioniert – dabei wird nichts dem Zufall überlassen.

Die Vielfalt der so entstandenen Modelle ist beeindruckend. Zugleich lassen sich auch erstaunlich viele parallele Strukturen beobachten, welche gute Anhaltspunkte für eine tatsächliche Veränderung des Religionsunterrichts liefern können. Wir können die Zukunft auch auf diese Weise wirklich nicht schauen – aber „ein Verlangen erzeugen, das dem Heute gilt.“ (Antoine de Saint-Exupéry).